Die «Klimagerechtigkeitsinitiative Basel2030» verlangt, dass der Kanton Basel-Stadt in 10 Jahren keine Treibhausgase mehr ausstösst. Nicht bei Fahrzeugen, nicht bei Gebäuden, und was dennoch an CO2 in die Luft geht, muss kompensiert werden. Das wird unsere Stadt verändern, und auch das Wettsteinquartier. Zum Guten.

Wettstein – an einem Morgen im Jahr 2030 ...

von Christoph Keller

An diesem Herbstmorgen trägt Laura Mensch einen Wäschekorb voller Nippes, etwas Geschirr, zwei grosse, farbige Schalen und ein paar Bildbände nach unten. Hinter ihr balanciert ihr Sohn Frédéric, der gerade zehn geworden ist, seine alten Kinderspiele, er sieht die Stufen kaum, so hoch ist der Stapel.

Sie machen das seit Jahren, den Quartiersflohmarkt, stellen ihren kleinen Tisch unter die Birken, die vor dem Haus wachsen. Frédéric bessert sein Taschengeld auf, und für Laura ist der Flohmarkt die Gelegenheit, viele Freunde und Bekannte im Quartier zu sehen.

Der Himmel ist klar, Schönwetterwolken ziehen, die Luft ist noch frisch.

Während sie den alten Klapptisch aufstellt, denkt Laura zurück an die vergangenen Sommertage, die zwar heiss waren, aber nie so drückend und schwer, wie in den Jahren zuvor. Die Bäume, dicht gepflanzt auf der Strasse vor Jahren, haben die Strasse gekühlt, und der helle Mergel, der seit einiger Zeit den schwarzen Asphalt ersetzt, war nicht nur schön fürs nachbarliche Boulespiel, er hat auch das Sonnenlicht gut abgestrahlt.

Laura schaut sich um, sieht:

Dass auch das letzte Haus am Rosengartenweg jetzt ein Solardach hat, ein Dach mit Solarziegeln, hoch effizient, und von einem Ziegeldach nicht zu unterscheiden, das Gerüst vor dem Haus wurde gestern abgebaut. Mariam, die Nachbarin zwei Häuser weiter winkt ihr zu, sie eilt zur Velostation an der Ecke – Mariam ist begeistert von den neuen elektrischen Lastenvelos, die seit letztem Monat da stehen; sie hat kürzlich ein Sofa durch die Stadt gefahren und lachend erzählt, dass das früher (sie meint, vor ein paar Jahren) ganz und gar unmöglich gewesen wäre, wegen den vielen Autos. Laura wirft noch einen kurzen Blick auf die surrenden Windräder, die an manchen Dachkanten montiert sind, sie erinnert sich gut an die Diskussionen, ob es hier, im Wettsteinquartier, auch genügend Wind gebe, um die kleinen Windturbinen effizient zu betreiben.

Frédéric reisst sie aus ihren Gedanken, er hält das Spiel «Traffic Jam» in der Hand, fragt:

«Sag mal, wie sind eigentlich all die Autos aus unserem Quartier verschwunden?»

«Da warst du noch sehr klein, Frédéric.»

«Eben, ich erinnere mich nicht, erzähl mir.»

Laura bückt sich, greift sich den Stapel Porzellan, verteilt Teller und Tassen auf dem kleinen Tisch.

«Also, alles begann, als sich vor etwa elf Jahren eine Gruppe von Menschen in der Stadt zusammentaten, um eine Initiative zu lancieren. Die Initiative hiess Klimagerechtigkeitsinitiative Basel2030 ...»

« ... 2030, das ist sozusagen heute.»

«Genau. Mit der Initiative wollte diese Gruppe erreichen, dass die Stadt Basel bis 2030, also wie du sagst: bis heute, keine Treibhausgase mehr ausstösst, also kein CO2 mehr, kein Methan, und so weiter. Und zwar überall, bei den Häusern, beim Verkehr, in der Industrie, und was dennoch unbedingt noch an fossilen Energien verbrannt werden musste, das sollte wieder aus der Luft geholt werden, im Inland, mit neu gepflanzten Bäumen, mit den grossen Filtern, die heute oben auf allen Roche-Dächern, aber auch auf dem Clarahochhaus und anderswo stehen.»

«Die, die aussehen wie riesige Ventilatoren?»

«Richtig. Aber wichtig war auch, und das ist das dritte, was die Initiative verlangte, nämlich, dass auch die Kantonalbank und der Kanton selber mit ihren Vermögen kein Geld mehr in die fossile Industrie investierten, in die Industrie, die mit der Herstellung von Benzin, Diesel, Heizöl und vielem anderen mehr unsere Atmosphäre aufgeheizt hat.»

«Wenn zu viel CO2 in der Atmosphäre ist, kann das Sonnenlicht nicht mehr abstrahlen und es wird heiss. Wir haben das in der Schule gelernt.»

«So ist es.»

«Aber wie sind denn nun die Autos von den Strassen weggekommen?»

«Nun ja, das ist nicht von einem Tag auf den anderen passiert. Eigentlich war es so, dass mit dieser Initiative wie ein Ruck durch den Kanton ging, wie ein Aufrütteln war das. Weil plötzlich alle gesehen haben, was für eine unglaubliche Chance darin liegt, wenn eine ganze Stadt auf null fossile Emissionen runterkommt. Das war, du musst dir das so vorstellen, wie wenn man von einer Sucht loskommt, von etwas, von dem man abhängig ist.»

«Verstehe ich nicht, erklärs mir bitte anders.»

«Entschuldige, klar. Also damals, vor zehn Jahren, waren alle vom total Öl abhängig, vom Gas, über achtzig Prozent aller Energie wurde aus Öl und Gas gewonnen, man konnte sich ein Leben ohne Öl und Gas gar nicht vorstellen. So, wie jemand, der raucht, sich ein Leben ohne Zigaretten gar nicht vorstellen kann.»

«Wie Herr Marthaler vom Kiosk?»

Laura muss lachen.

«Wie Herr Marthaler, genau. Was für Herrn Marthaler die Zigaretten sind, waren für die meisten damals Öl und Gas. Und darum habe ich gesagt, dass durch die Stadt wie ein Ruck ging. Weil Regierung und Parlament sehr schnell handeln mussten, nachdem die Initiative angenommen wurde. Sie mussten eine ganze Stadt von Öl und Gas befreien, also alles umstellen, was man vorher so an Energiesystemen aufgebaut hat, das war nicht einfach. Aber zum Glück hat die Stadt vielerorts schon angefangen, in unserem Quartier war man schon daran, alle Gasheizungen und alle Ölheizungen durch Nahwärmenetze zu ersetzen, mit Wärmepumpen, die Wärme aus dem Grundwasser entnehmen – so hatten wir glücklicherweise im Wettstein schon 2024 keine fossilen Heizungen mehr, in anderen Quartieren war das schwieriger. Und gleichzeitig begann in der ganzen Stadt ein riesiges Sanierungsprogramm für die Gebäude, es war grossartig – in nur wenigen Jahren gelang es, alle Häuser in unserem Quartier und in der ganzen Stadt so umzubauen, dass sie fast keine Wärme brauchen beim Heizen, und jedes Haus bekam eine Photovoltaikanlage.»

«Das weiss ich noch, da stand ein Gerüst vor dem Haus, und ich durfte nicht darauf herumklettern».

Frédéric hat jetzt seine Spiele auf einer Decke schön ausgelegt, dazu noch ein paar Plüschtiere, ein paar ziemlich ramponierte Spielzeugautos. Nachdenklich zupft er am Ohr eines Kuschellöwen, schaut unvermittelt auf:

«Aber du hast mir immer noch nicht erklärt, wie die Autos verschwanden.»

«Stimmt, ich merke grad, dass das nicht in wenigen Sätzen zu erzählen ist, weil viele Dinge zusammenkamen. Also erst mal musste die Stadt alle Strassen so umbauen, dass sie die Menschen vor der Hitze schützen, weil auch das in der Initiative gefordert wurde: dass Menschen vor den Hitzewellen geschützt werden. Und die gab es, immer mehr, immer heftigere Hitzesommer, so dass auch die letzten, die noch Widerstand gegen den Strassenumbau leisteten, sich fügten. Nun begann die Stadt damit, Bäume zu pflanzen, und Bäume brauchen Platz, den Platz, den bisher Autos belegt haben. Aus Parkplätzen auf den Strassen wurden Alleen, auf Parkplätzen vor Geschäften und Wohnblöcken entstanden kleine Wälder und Parks, dazwischen Rasenflächen, wie an der Peter-Rot Strasse, und dort, wo du immer spielen gehst, an der Chrischonastrasse, war früher ein Parkplatz.»

«Hat man die Autos einfach... weggeschmissen?»

Laura weiss, dass diese Frage kommen würde, weil Frédéric Autos mag, er sammelt Bilder von diesen schnellen, potenten Autos, die es früher mal gab, er klebt sie ein in ein Heft.

«Nein, Frédéric, die Regierung hat mit den Autobesitzern einen Deal gemacht, einen Tausch. Leute, die ein Benzinauto oder ein Dieselauto hatten, wussten bereits mit der Annahme der Initiative, dass sie ihr Auto früher oder später abstossen müssten, weil ja alle bis 2030 auf null runter mussten, also hat ihnen die Regierung ein Angebot gemacht. Und das ging so: Ihr gebt uns das Auto ab, wir stellen euch ein Car-Sharing-Angebot zur Verfügung, mit Elektroautos. Die Aktion hiess „aus-10-mach-1“, weil man ausgerechnet hat, dass sich 10 Autobesitzer problemlos ein Auto teilen können, ohne Einbussen an Komfort und so weiter; und klar – man hat damals auch gleich die Velostationen mit den Cargovelos, den E-Bikes, den E-Liegevelos und den E-Dreirädern hingestellt, für alle, die in der Stadt elektrisch, aber platzsparend und effizient unterwegs sein wollten. Mit all dem hat man natürlich den ganzen Platz bekommen für die Bäume, und ohne viele Autos brauchte es auch den Asphalt nicht mehr.»

«Und was ist mit den Autos passiert?»

«Die wurden recycelt, und man hat Rohstoffe gewonnen für die Batterien, die unseren Solarstrom speichern.»

Frédéric blickt etwas nachdenklich, sagt dann, wie zu sich selbst:

«Cool. Bei dir war es anders, nicht, als du klein warst, oder?»

«Ja, ganz anders, die Strassen waren voller Autos, meine Eltern mussten dauernd aufpassen, dass ich nicht überfahren werde, und sie auch nicht.»

«Das erzählst du mir ein andermal? Ich muss jetzt rüber zu Pierre und Mustafa, sie wollten auch bei uns verkaufen.»

Laura sieht ihm nach, wie er mit seinem Velo etwas wackelig quer über die Strasse fährt, mitten durch die Stände, die überall aufgebaut werden.

Für einen kurzen Moment lächelt sie still in sich hinein, dann winken Marielle und Alberto, beide arbeiten in der Firma, die vor Jahren die Südfassaden der Roche-Türme mit Solarpanels ausrüstete, seither versorgen die beiden Türme die Hälfte des Quartiers mit Strom, die andere Hälfte verbraucht die Roche selber. Laura sieht, dass auch Aïche und Meryem ihre Waren nach aussen tragen, die beiden sind Projektleiterinnen bei einem Start-up, das in anderen Städten der Welt «Reallabore» veranstaltet, demokratisch abgestützte Prozesse, bei denen die Veränderungen der Stadt Basel und der umliegenden Gemeinden im Realmassstab ausprobiert werden können, sie arbeiten zur Zeit für Mexiko City und für Montréal und sind viel unterwegs. Laura begrüsst auch Marcia und Joe, auch sie sind daran, ihre Ware auf die Strasse zu stellen, sie haben vor Jahren die Tankstelle an der Grenzacherstrasse übernommen und führen dort das quartierseigene Mobilitycenter.

Laura hat ihren Stand hergerichtet, sie streckt den Rücken durch, stellt zuletzt noch die Kasse auf den Klapptisch.

Für einen Augenblick geniesst sie die Ruhe, sie wird viele Leute sehen, heute. Sie lehnt ihren Kopf an den Baumstamm, schliesst die Augen und erinnert all die Auseinandersetzungen, die es rund um die Klimagerechtigkeitsinitiative Basel2030 gab, all den Widerstand, den es zu überwinden gab: von der Autolobby, von der Öllobby, von den rechten Parteien. Wie die Autobesitzer, die für ihr Auto kämpften, einige gingen vor Bundesgericht, andere zogen weg, in damals noch autofreundliche Kantone – aber seit die Klimagerechtigkeitsinitiative in anderen Kantonen ebenfalls durchkam, sind sie da in der gleichen Situation. Es gab wütende Proteste aus der «Poser»-Szene, es gab Anschläge, Drohungen, Besetzungen. Aber je mehr die Folgen der Klimaerhitzung spürbar wurden, mit jedem heissen Sommer, mit jedem Anstieg des Meeresspiegels, mit jedem Tornado, der übers Land fegte, wurden diese Stimmen leiser und verstummten am Ende.

Und ja:

Der entscheidende Moment kam, als die Basler Kantonalbank beschloss, alle Investitionen aus dem fossilen Sektor abzuziehen, und einen Viertel davon für die Entwicklung des Kantons bereitzustellen, zinslos, als Investition in die Zukunft. Laura, in die Sonne blinzelnd, denkt, dass sie das Frédéric unbedingt erzählen muss, wie all die Betriebe und Gewerbe aus dem Boden schossen: die Firmen für Solartechnologie, für städtischen Gartenbau, für Wärmesteuerungen, für hocheffiziente Batteriesysteme, für Plastikrecycling – Firmen, die heute, im Jahr 2030, von überall her aus der Welt besucht werden, als Modelle für die Zukunft.

Aber da kommt die erste Kundin, nimmt eine der farbigen Schalen in die Hand.

«Woher hast du die?»

«Aus Djerba, Tunesien, da war ich mal, vor Jahren, zu einer Zeit, als man noch billig fliegen konnte.»

Laura lächelt etwas verlegen, aber die Kundin schaut darüber hinweg:

«Aha. Ich war letztes Jahr auch auf Djerba. Aber mit dem Zug bis nach Marseille, und von da mit dem hybriden Schnellsegler an die afrikanische Küste runter, hat nur zwei Tage gedauert.»

«Und war sicher schön, auf dem Meer.»

«Es war schön, und sehr erholsam.»


Christoph Keller ist Journalist, Podcaster und Autor; zuletzt erschien «Benzin aus Luft – eine Reise in die Klimazukunft». Er ist Mitbegründer von wettstein21 und hat die «Klimagerechtigkeitsinitiative Basel2030» mitinitiiert.
www.basel2030.ch


Artikel als PDF zum Download: Zehn Jahre nach der Annahme der «Klimagerechtigkeitsinitiative Basel2030» – eine Vision (PDF, 842 kB)


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Der Basler Grosse Rat hat zwar den Klimanotstand ausgerufen, aber konkrete Taten sind kaum erfolgt. Mit der Klimagerechtigkeitsinitiative fordern wir, dass endlich wirksame, konkrete und sozialverträgliche Massnahmen gegen die Klimaerhitzung ergriffen werden. Denn nur, wenn wir schnell handeln, lässt sich das Ziel erreichen, die globale Klimaerwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Basel geht voran, mit einem klaren Ziel: dass bis 2030 auf Kantonsgebiet keine Treibhausgase mehr emittiert werden dürfen, und dass auch die kantonalen Anstalten, die BKB, der Kanton selbst, nicht mehr in fossile Energien investieren dürfen. Diese Initiative ist eine Chance, mit Mut und Innovation in die Zukunft zu gehen. Alles Wissenswerte unter www.basel2030.ch.

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